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Moderner Parzival meets digital natives: Oberstufentheater am Lessing- Gymnasium Neu- Ulm feierte Ur- Aufführung der Eigenproduktion „Mittendurch"

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Einen Riesenerfolg konnten die Schüler des Oberstufentheaters am Lessing-Gymnasium Neu-Ulm mit ihrer Eigenproduktion „Mittendurch" feiern. Die Spielleiterinnen Tina Parenica und Sonja Pellkofer äußerten sich zurecht stolz und begeistert über den Enthusiasmus, mit dem ihre Schüler unter ihrer Anleitung das Stück Schritt für Schritt zum Leben erweckten, angefangen vom Konzipieren der Szenen, über das Entwickeln von Musik und Choreographien bis hin zur Mitgestaltung des Bühnenbildes und der Kostüme. Die Aufführungen, die am 18., 19. und 21.3. 2019 stattfanden, waren wie immer gut besucht und das Publikum bester Laune. Denn schon vor Einlass wurden die Zuschauer mit kleinen Kärtchen dazu animiert, sich Komplimente zu machen oder Fragen zu stellen und so miteinander in Kontakt zu kommen. Interaktion blieb auch ein wichtiger Bestandteil des dann folgenden Theaterabends, bei dem das Publikum immer wieder von den Schauspielern mit ins Geschehen integriert wurde. Denn die Szenen, die durchweg von den Schülern selbst verfasst worden waren und auf der Bühne mitreißend dargestellt wurden, waren mitten aus dem Leben gegriffen, begeisterten und regten zum Nachdenken an. Was passiert, wenn ein moderner Parzival auf ganz normale „digital natives" im Jahr 2019 an einer ganz normalen Schule trifft?

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Ausgehend von dieser Frage und dem Gedanken, was Jugendliche momentan am meisten bewegt und beschäftigt, waren aus monatelangen Improvisationsübungen und der Beschäftigung mit theatralen Mitteln viele lebendige Szenen entstanden, die auf herrlich authentische Art und Weise die sogenannte „Generation Z" porträtierten. Da lieferten sich Mädchen und Jungs auf dem Pausenhof pfiffige Wortgefechte oder trieben Schüler bei der Theaterprobe eines interkulturellen Stückes ihre Lehrerin auf derart witzige Art und Weise in den Wahnsinn, dass das lachende Publikum mit Szenenapplaus reagierte. Doch auch die gnadenlos überzeichnete Art und Weise, wie die Jugendlichen ihr Liebesleben darstellten, das heutzutage scheinbar völlig problemlos über Online- Plattformen wie „tinder" geregelt wird, führte zu großer Heiterkeit im Publikum, wurden doch die in Ungnade gefallenen „boys" von den Mädchen einfach „weggewischt".

Eine weitere große Leistung des Stückes bestand jedoch darin, mit welcher entwaffnenden Ehrlichkeit die Schüler in einigen Szenen von ihren alltäglichen Ängsten, aber auch von ihrer Skepsis gegenüber dem Einfluss des World Wide Web auf ihr Leben erzählten und ihre eigenen Lösungsvorschläge darboten. So etwa, wenn der neue Schüler, dessen Instagram-Profil nicht den Ansprüchen seiner Mitschülerinnen genügt, massiv beleidigt und gemobbt wird, am Ende doch als Held dasteht, der seine Mitschüler von der Oberflächlichkeit einer digital nach außen getragenen Fassade überzeugen kann. Oder wenn Teilnehmerinnen einer „Miss Perfect Wahl" der rein auf Äußerlichkeiten fixierten Jury die Stirn bieten, indem sie die Veranstaltung mit einem frechen „Flashmob" sprengen. Eingebettet waren diese Szenen in eine Rahmenhandlung rund um den schauspielerisch grandios verkörperten sechzehnjährigen Beer, der von seinem Vater über Jahre hinweg von der Außenwelt abgeschirmt und zu Hause unterrichtet worden ist, um ihn vor dem zerstörerischen Einfluss des World Wide Web zu schützen. Und so ist es nicht verwunderlich, wenn dieser auf die Nöte der Jugendlichen in der vom „Wischkasten" dominierten Welt mit beinahe rührender Naivität reagiert. Das vermeintlich so wertvolle „Weiphone", das ihn mit einer schrillen Nachrichtenflut bombadiert und „traurig und klein" macht, schenkt er kurzerhand wieder her. Und auf die Klagen eines im Netz von medialem Wahnsinn, Leistungsdruck durch die Eltern und Gruppenzwang gefangenen Mädchens antwortet Beer kurzerhand: „Wenn dein Privatleben zu kurz kommt, dann mach es doch einfach länger". Die so immer wieder entstehende Mischung aus Tiefgang und Heiterkeit machte den Zauber dieser Theaterproduktion aus und die mit erfrischender Direktheit und großem schauspielerischen Können dargestellten Szenen zu einem Erlebnis, das den Zuschauern noch lange in Erinnerung bleiben wird.

S. Pellkofer

 
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