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„Willkommen in Deutschland, willkommen in der Freiheit!"

Diesen Satz hörte Jens Hase als er den Boden der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Prag im September 1989 erreichte. Vorausgegangen war eine nervenaufreibende Zugfahrt aus seiner Heimatstadt Eisenach in die Tschechoslowakei, bei der er nur knapp einer Verhaftung durch Stasi-Beamte entkam.

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Doch von Anfang an: Am 7.12.2018 besuchte DDR-Zeitzeuge Jens Hase das Lessing-Gymnasium Neu-Ulm und berichtete in zwei anschaulichen und fesselnden Vorträgen über seine Kindheit und Jugend in der SED-Diktatur sowie die Flucht über die Prager Botschaft in die BRD. Geladen waren die Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 10 und 11, die gebannt seinen Ausführungen folgten. In einem kurzen Überblick über seine Kindheit und frühe Jugend beschrieb Herr Hase das alltägliche Leben einer nicht an das sozialistische System angepassten Familie. Mit wirklichkeitsnahen Beispielen, wie etwa der Weitwurf mit Handgranaten-Attrappen im Sportunterricht, veranschaulichte er den Schülerlinnen und Schülern seine damalige Realität. Die Familie wurde jäh auseinandergerissen, als sein Vater auf ärztlichen Rat einen Ausreiseantrag (ohne die Möglichkeit der Rückkehr) stellte. Die Eltern durften ausreisen, der 19jährige Sohn musste bleiben. Dieser war mit der Situation völlig überfordert, musste er doch nun auf sich alleine gestellt den Alltag meistern, was nur mit mäßigem Erfolg gelang.

2018-12-07 ddr-zeitzeuge_02_kleinerSchnell kam der Gedanke an Flucht aus der verhassten DDR auf. Da seine Familie durch den Ausreiseantrag in Ungnade beim Staat gefallen war, wurde ihm das Visum für Ungarn, das in den ersten Septembertagen des Jahres 1989 die Grenze zu Österreich geöffnet hatte, verwehrt. Dank des abgefangenen Westfernsehens bekam Jens Hase mit, dass sich immer mehr DDR-Flüchtlinge in der BRD-Botschaft in Prag sammelten und auf eine Übersiedelung nach Westdeutschland hofften. Also beschloss auch er, sich auf den Weg dorthin zu machen. Dieser erste Teil der Flucht gelang.

Die Wochen auf dem Gelände der Prager Botschaft waren von Hoffnung, Zusammenhalt und gegenseitiger Hilfe geprägt und wurden gekrönt von Hans-Dietrich Genschers berühmt gewordenen Halbsatz, der den Flüchtlingen die Einreise in die BRD versicherte.

Herr Hase saß im ersten Zug, der den Weg durch die DDR nach Westdeutschland nahm, Ankunft 6.12 Uhr in Hof am 1. Oktober 1989. Vorbei an feiernden Ex-DDR-Bürgern, ging er direkt zur Bahnhofsmission und hoffte dort Adresse und Telefonnummer seiner Eltern erfragen zu können. Und tatsächlich, nur eine viertel Stunde später telefonierte er mit seinem hörbar überwältigten Vater, der mit seiner Frau inzwischen bei Günzburg lebte. Auch Jens Hase zog nach Günzburg und lebt noch heute dort.

Die anschließenden Fragen der Jugendlichen zeigten, wie interessiert sie an diesem wichtigen Thema sind. Auf die Bitte eines Schülers nach einem Rat, den ihnen Herr Hase geben könne, antwortete dieser: „Nutzt eure Freiheiten, geht wählen, macht die Ausbildung, die ihr wollt. Genießt diese Freiheit und unseren Sozialstaat.“

Nicht nur bei den Schülern kam der Vortrag gut an, auch die anwesenden Lehrer zeigten sich beeindruckt und begeistert von der Anschaulichkeit und Authentizität des Vortrags.

Großer Dank gilt dabei dem Elternbeirat, der diesen Besuch finanzierte, der den Schülerinnen und Schülern verdeutlichte, wie glücklich sie sich schätzen können in einem freiheitlich-demokratischen System zu leben und keine Repressalien durch den Staat fürchten zu müssen.

Jonas Förster

 
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